Eröffnung des Liquidroms im Tempodrom mit „Musik aus Luft und Wasser“
Folker - Berlin, 5 Mai 2002
Lauschangriff in diesem Fall ist wörtlich zu verstehen, unter Wasser sind auch Lautsprecher im neuen Liquidrom und gestatten ungesehen unerhörten Hörgenuss.. Es geht allerdings keineswegs nur darum zu hören. Das wäre nicht Begründung genug für die multimediale Erlebnisdimension im Konzertsaal Wasser unterm Dach des Tempodroms am Anhalter Bahnhof. Abfahren also und baden gehen, untertauchen in Berlin, weg vom Großstadtlärm und Alltagsstress, eintauchen in die Welt der Musen, - „Das weiche sinnliche Element führt Regie bei der Relaxkunst von Körper, Geist und Seele.“ - wirbt ein Werbeblatt, und man äugt schon etwas skeptisch nach dem Touch zuviel Esoterik unterm Kuppeldach mit Außenfenster im Zenit, wären da nicht auch ganz irdisch überzeugende Fakten: Wasser hat sehr gute Klangeigenschaften, die hier über einen speziell entwickeltes Liquid-Sound-System genutzt und für das 122 m2 große Wasserbecken mit Hilfe von 12 Unterwasserlautsprechern und acht Klangsäulen umgesetzt werden. Das Spektrum der Programmplanung, das sich fortan von Klassik am Freitag bis zu Live-Musik in der Vollmondnacht im Klangraum einpendeln soll, lässt also Entspannung durchaus spannend werden – und das mitten auf der Großbaustelle Berlin. Die Architektur des amphibischen Theaters im neuen Tempodrom, wirkt wie eine magische Mischung von Kirchenschiff und Natursteinhöhle, klingt auch so und lässt schon ganz ohne exquisite Tauchtontechnik ungewöhnliche Klangeindrücke zu.
Diesen Gegensatz nutzen Gert Anklam, Beate Gatscha und Ulrich Moritz bei ihrem Konzert „Musik aus Luft und Wasser“ zur Eröffnungsveranstaltung am 5. Mai – und treffender geht's nicht. Schon vorab möchte man den Liquidrom-Betreibern das Trio ans Herz oder besser: direkt in den Terminkalender legen, so sehr überrascht, was hier an Stelle der üblichen Synthesizergefälle entsteht.
Innovation bemüht man mittlerweile in vielen Bereichen als geflügeltes Wort. Hier realisieren sich Sogwirkung und Eigendynamik, die üblicherweise damit verbunden werden, nicht nur über die ungewöhnliche Wahl des Aufführungsortes oder bei der Programmzusammenstellung, sondern findet bereits bei Konstruktion und Spielweise des Instrumentariums selbst statt. Oder wissen Sie, was eine Wasserstichorgel ist?
Wir reden tatsächlich von einem völligen Novum, sowohl unter dem Aspekt: Instrumentenbau als auch in Bezug auf die Aufführungspraxis. Weder das eine, noch das andere sei in seiner Entwicklung abgeschlossen, betont Gert Anklam. Vereinfacht gesagt handelt es sich um spezielle Pfeifen, die rhythmisch koordiniert ins Wasser getaucht werden und dadurch bestimmte, sehr obertonreiche Klänge erzeugen.. Was entsteht, ist ein exotisch anmutendes, dichtes Tongewebe, Klanggeflecht, das sich weder klar regional zuordnen, noch stilistisch festlegen lässt, aber auf eine eigenwillig anmutige Weise filigran, feinnervig und energievoll zugleich wirkt – Musik, die auszog, das Staunen zu lehren.
Anklam und Gatscha machen sich „Musik im Dialog“ zum Prinzip und perfektionieren eben dieses nicht nur in der Zwiesprache von vier Klangröhren, sie werden mit ihrer Experimentierfreude auch zu Grenzgängern zwischen den Kulturen – räumlich, medial und virtuell. Über Studienaufenthalte und Konzerte im Ausland und die Zusammenarbeit mit Künstlern aus anderen Klanglandschaften suchen und befördern die beiden den Dialog und führen ihn im Sinne interkultureller Kommunikation geradezu vor. Ihre Sprache dabei ist nicht nur die der Musik. Lichtinstallation und Tanzimprovisation gehören ebenso dazu. Im aktuellen Programm werden sie unterstützt von Uli Moritz, einem der vielseitigsten Percussionisten zwischen Jazz, Pop und Weltmusik in Berlin.
Noch taufrisch oder auch tropfnass ist eine gerade vom Trio eingespielte Mini-CD – schön wasserdicht verpackt, allerdings in limitierter Auflage. Sollte die bereits vergriffen sein,
langfristiger Veranstaltungstipp. Musik aus Wasser und Luft gibt's zum Sommerausklang auf dem Festival in Perleberg. Für alle, die bis dahin nicht mehr warten wollen: www.anklang.de.
Cathrin Alisch
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