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Musikalische Weltreise
Exotische Klänge im Fortbotanischen Garten Eberswalde
von Thomas Melzer

Märkische Oderzeitung, 31. Juli 2006

Der Regen kam als prasselnder Stereoeffekt von links. Die Zuschauer flüchteten unter Schirme, Verkaufspavillons und das Bühnendach, wo sie Wu Wei, Gert Anklam und Uli Moritz fortan aus nächster Nähe beim Musizieren zusahen. Gemeinhin ist das Wetter bei Freiluftveranstaltungen ein unwägbarer Risikofaktor. Bei "Purpur", dem musikalischen Fest im Forstbotanischen Garten Eberswalde, ist es Bestandteil des offenen Konzepts: Anfangen und abwarten, was passiert.
Am Freitagabend war der idyllische Park am Rande der Stadt Ausgangspunkt einer musikalischen Fernostreise. Der Chinese Wu Wei spielte die Sheng, eines der ältesten Musikinstrumente Chinas. Es sieht aus wie eine Miniatur des Turms von Babel, rundum bestückt mit Orgelpfeifen. Europäischen Asienurlaubern ist dortzulande meist nichts so fremd wie die für hiesige Ohren sperrige Musik. Wu Wei aber spielt sein Instrument, als sei er der deutschen Romantik verfallen. Lyrisch, oft sogar elegisch entströmen der Mundorgel die Klänge. Sie erinnern an Harmonium, Mundharmonika oder Kirchenorgel. In einem behutsamen Aufeinandereingehen wird die kleine Königin der Instrumente eingebettet durch Gert Anklam mit warmem Saxophonspiel und Uli Moritz mit filigraner Percussion. Höhepunkte erlebt das Publikum immer dann, wenn auch Anklam zu Sheng greift und die Töne aus beiden Mundorgeln förmlich ineinander fließen, während Moritz mit den Filzstöcken auf der Marimba einen warmen Rhythmus webt.
Der 36jährige Wu Wei hat Virtuosität auf der Sheng an der Kunstakademie von Nanjing sowie als Meisterschüler am Konservatorium von Shanghai erlangt. Mit einem Künstlerstipendium des DAAD kam er 1995 an die Berliner Musikhochschule Hanns Eisler, wo er seinen musikalischen Horizont durch das Studium der westlichen Jazztradition erweiterte. Im Jahr 2000 spielte er mit den Berliner Philharmonikern unter Kent Nagano vor 20.000 Zuhörern auf der Berliner Waldbühne. Längst ist er international ein vielgefragter Musiker, dessen Ausdrucksspektrum von Jazz über Folk bis Neuer Musik reicht.
Die in Eberswalde von ihm und seinen Begleitern gespielte Musik ist schwer zu beschreiben, dafür in hohem Maße assoziativ. Zumal an diesem Ort: Die Bühne steht auf einer Lichtung, umgeben von alten, hohen Bäumen. Über den Park verteilt sorgen mannshohe Stoffsäulen, gefüllt mit pastellenem Licht, für eine märchenhafte Anmutung. Scheinbar wütend zirpen die Grillen gegen die Störung an, Kinder flüstern, Weingläser klingen, Donner grollt, aus der Ferne bellen Hunde. Der Luftdruck an diesem Abend trägt den ratternden Sound der Züge nach Berlin oder Stralsund ganz nahe heran als auf- und abschwellende Stereoeffekte von links oder rechts. Auf- und abschwellen auch die Klänge der Sheng, erzeugt in einem gleichmäßig meditativen Luftstrom beim Aus- und Einatmen. Das Weltmusikfestival "Purpur" liegt traditionell am letzten Juliwochenende, dann, wenn in Brandenburg Ferienhalbzeit ist. Es ist damit auch ein Fernwehtröster für alle, die nicht wegkönnen oder schon wieder zurück sind. Die Sehnsucht an diesem Abend ist genauso groß wie die Gewißheit, daß es anderswo nicht schöner sein kann als hier.


Fotos: Thomas Burkhardt


 


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